100 Jahre Christuskirche in Haunstetten

100 Jahre Christuskirche in Haunstetten

Einhundert Jahre alt wurde die „Protestantische Kirche“ (Christuskirche) in Haunstetten im Jahre 2009

kw_christuskirche_2aAm Samstag, 13. November 1909 wurden die Glocken mit einem Pferdefuhrwerk gebracht. Zum ersten Mal wurde damit am Buß- und Bettag geläutet. Im Hintergrund ist ein ehemaliges Haus der Kolonie der Haunstetter Spinnerei und Weberei (im Volksmund die „Fabrik“) zu sehen. Rechts am Haus vorbei, noch weiter dahinter ein Teil der ehemaligen „Fabrik.“ Die heutige Ellensindstraße sowie die Bebauung der freien Flächen bestanden damals noch nicht, so daß man bis nach Siebenbrunn (allerdings auf dem Bild nur schemenhaft) sehen konnte. Bild: Sammlung Karl Wahl

Der Haunstetter Heimatforscher Karl Wahl hat die über 100-jährige Geschichte der Christuskirche in Haunstetten zusammengefasst.

Die Anfänge dazu reichen schon mehr als 110 Jahre zurück. 1899 wurde der „Evangelische Verein Haunstetten-Siebenbrunn“ gegründet. Die Gottesdienste wurden im Siebenbrunner Schulhaus gefeiert. Das war nicht das derzeitige, sondern das alte Schulhaus, das ehemals unmittelbar südlich neben dem jetzigen stand. Ein paar Jahre später, im März 1903, wurden die Gottesdienste von Siebenbrunn nach Haunstetten in den oberen Saal der ehemaligen Gastwirtschaft „Jägerhaus“ verlegt. Die im 2. Weltkrieg zerbombte Wirtschaft stand auf dem freien Platz vor dem ehemaligen Kino „Atrium“.

Ab März 1904 hieß der Verein nunmehr „Bethaus Haunstetten-Meringerau (eV).“ Meringerau deshalb, weil Siebenbrunn bis zur freiwilligen Eingemeindung nach Augsburg 1910 „Meringerau“ geheißen hat.

Im Juni 1905 schrieb der bayerische „Architekten- und Ingenieurs-Verein“ die Erlangung eines Entwurfs für die Protestantische Kirche aus. Es wurden elf Projekte eingereicht, die im Juni 1906 eine Woche lang im Nebensaal des Jägerhauses zur Besichtigung ausgelegt waren. Das Preisgericht empfahl das Projekt von Bauamtmann Schildhauer aus Kempten zur Ausführung, worauf die Ausschuß-Sitzung des Bethausvereins Haunstetten-Meringerau das Projekt mit nur unwesentlichen Änderungen einstimmig annahm.

kw_christuskirche_1(Der Turm der Christuskirche und die Kirche sind Ende Juli 1909 noch eingerüstet. Der 32 Meter hohe Turm ist schon vollendet. Bild: Sammlung Karl Wahl)

Der Bau für die Kirche begann am 20. März 1909. Die Erd-, Maurer-, Dachdecker- und Zimmermannsarbeiten waren an Baumeister Ludwig Hebeisen (Tattenbachstraße) vergeben, die Schlosserarbeiten und das Turmkreuz an Schlossermeister Ernst Lenke (auch Tattenbachstraße), die Schreinerarbeiten an Schreinermeister Ludwig Schnepf senior (Bürgermeister-Widmeier-Straße), die Spenglerarbeiten an Spenglermeister Julius Stattin (Bürgermeister-Widmeier-Straße, heute dort eine Kunstschmiede), die Glaserarbeiten an Glasermeister Karl Hüber, Raiffeisenstraße 2 (Süd-West-Ecke heutige Bürgermeister-Widmeier-Straße und heutige Schopenhauserstraße (später war dort das Papier- und Schreibwarengeschäft Hüber), die Lieferung der Turmuhr an Uhrmacher Staud (nicht aus Haunstetten) und die Malerarbeiten an Malermeister und Dekorationsmaler Andreas Greß.

kw_christuskirche_2(Der Turm der Christuskirche und die Kirche sind Ende Juli 1909 noch eingerüstet. Der 32 Meter hohe Turm ist schon vollendet. Bild: Sammlung Karl Wahl)

Der Grundstein wurde am 2. Mai 1909 gelegt. In ihn wurde eine eiserne Kassette eingelegt. Sie ist ein Geschenk des Schlossermeisters Lenke. In sie wurden eingelegt: Je ein Katechismus, Gesangbuch, neues Testament, Haunstetter Zeitung, Augsburger Amtsblatt mit den Preisen der Landesprodukte, eine Urkunde über die gegenwärtigen Verhältnisse und einige Scheidemünzen. Der Bauplatz war mit Fichtenkränzen und Girlanden festlich geschmückt.

Der Bau ging recht zügig voran. Bereits am 27. Juni wurde der Dachstuhl errichtet und am 31. Juli war der 32 Meter hohe Turm vollendet.

Damals bestand in Augsburg eine Glockengießerei, in der am 9. September im Beisein des Pfarrers Anthes, des Vikars Stellwag und einiger Interessenten die drei Glocken mit zusammen 50,10 Zentnern gegossen wurden. Es waren dafür die gleichen Töne gewählt worden, wie sie die drei Jahre zuvor eingeweihte protestantische Kirche in Füssen bekommen hatte. Sie klangen in e, gis und h. Es entstand damit ein „sehr freundliches und einladendes Geläute.“ Als Inschrift wurden im Gedanken an die heilige Dreifaltigkeit gewählt für die 1. Glocke: “Eine feste Burg ist unser Gott!“ Für die 2. Glocke: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt“ und für die 3. Glocke: „O heil’ger Geist, kehr bei uns ein.“

kw_christuskirche_2b(Am Samstag, 13. November 1909 wurden die Glocken mit einem Pferdefuhrwerk gebracht. Zum ersten Mal wurde damit am Buß- und Bettag geläutet. Im Hintergrund ist ein ehemaliges Haus der Kolonie der Haunstetter Spinnerei und Weberei (im Volksmund die „Fabrik“) zu sehen. Rechts am Haus vorbei, noch weiter dahinter ein Teil der ehemaligen „Fabrik.“ Die heutige Ellensindstraße sowie die Bebauung der freien Flächen bestanden damals noch nicht, so daß man bis nach Siebenbrunn (allerdings auf dem Bild nur schemenhaft) sehen konnte. Bild: Sammlung Karl Wahl)

Mitte November 1909 wurden die Glocken in den Turm gebracht und am Buß- und Bettag darauf, am 17.November 1909, fand ab 17 Uhr, als die Arbeiterinnen und Arbeiter der nahen Spinnerei und Weberei Haunstetten Feierabend hatten und aus der Fabrik kamen, ein Probeläuten statt, zu dem die Gemeinde freundlich eingeladen war. „… wobei manchem Gemeindemitglied Tränen der Freude kamen, daß nun neben den Glocken der katholischen Kirche endlich auch die der evangelischen läuten.“

Am 12. Dezember 1909, dem dritten Adventssonntag, wurde die Kirche geweiht. Früh um sieben Uhr erklangen die Glocken zum Festgeläute. Mit einem Festzug wurde ab 14:00 Uhr vom bisherigen Betsaal im Jägerhaus zur neuen Kirche umgezogen. Nachdem vor dem Portal ein Lied gesungen war, wurde der Kirchenschlüssel feierlich übergeben, worauf sich ein Festgottesdienst anschloß.

Am Nachmittag fanden sich die geistlichen Herren, die beteiligten Handwerksmeister, der Bürgermeister und die Gemeinderäte zu einer Nachfeier im „Steinmeyer’schen Gasthause“ ein. Das war die spätere und ehemalige Gastwirtschaft „Zur Linde“ in der Tattenbachstraße.

Im April 1910 wurde die Orgel Nr. 1048 der Weltfirma Steinmeyer in Öttingen aufgebaut. Sie erklang am 24. April erstmals beim Gottesdienst. Die Turmuhr wurde von der Gemeinde Haunstetten gestiftet.

Leider war das Geläute nur acht Jahre lang vollständig. Im März 1917 wurde folgendes bekanntgegeben: „Beschlagnahme, Bestandserhebung und Enteignung sowie freiwillige Ablieferung von Glocken aus Bronce. […] unterliegen sämtliche aus Bronce gegossenen Glocken ausgenommen Bronceglocken, deren Eigengewicht unter 20 Kilogramm beträgt, Glocken in mechanisch betriebenen Glockenspielen, ferner Glocken für Signalzwecke bei Eisenbahnen, auf Schiffen, Straßenbahnen und Feuerwehrfahrzeugen.“

Im Juni 1917 war es dann so weit. Am Sonntag, 24. und Montag, 25. Juni 1917 wurden die zwei größeren Glocken für Kriegszwecke beschlagnahmt und abgenommen.

kw_christuskirche_4(Das Pfarrhaus wurde 1925/26 erbaut. Das Bild zeigt einen Blick vom Pfarrhaus in den Pfarrgarten. Im Bild quer und hinter dem Zaun verläuft die Haunstetter Straße. Die helle Straße, die in den Hintergrund (nach Siebenbrunn) verläuft, ist die heutige Ellensindstraße. Im Hintergrund rechts sind Gebäude der ehemaligen Spinnerei und Weberei Haunstetten, der „Fabrik“ zu erkennen. Bild: Sammlung Karl Wahl)

1924 wurde ein neues Geläute beschafft und am 5. Oktober eingeweiht. Das Pfarrhaus wurde gegen Ende 1925 fertiggestellt. Von 1934 bis 1963 war der allen älteren Haunstettern noch bekannte Eduard Gußmann Pfarrherr der Christuskirche. 1943 mußten wieder die Glocken, diesmal bis auf die Kleine, für Kriegszwecke abgegeben werden.

kw_christuskirche_9(In einem feierlichen Umzug wurden die neuen Glocken 1955 eingeholt. Das Bild ist aufgenommen am Georg-Käß-Platz. Im Hintergrund besteht noch das Gasthaus „Hirsch“ und es ist noch die Straßenbahn zu sehen. Bild: Sammlung Karl Wahl)

Am Sonntag, 15. Mai 1955 wurden die nunmehr vier neuen Stahlglocken feierlich eingeholt. Die ehemalige Kunstmühle Kühn hatte einen LKW zur Abholung von der Glockengießerei in Erding zur Verfügung gestellt. Im Hof der ehemaligen Färberei und Bleicherei Martini wurden sie auf einen Pferdewagen umgeladen und geschmückt.

kw_christuskirche_8(Am Samstag, 14. Mai 1955 wurden die vier neuen Stahlglocken im Hof der ehemaligen Färberei und Bleicherei Martini auf einen Pferdewagen umgeladen und geschmückt. Bild: Sammlung Karl Wahl)

 

 

 

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(Am Samstag, 14. Mai 1955 wurden die vier neuen Stahlglocken im Hof der ehemaligen Färberei und Bleicherei Martini auf einen Pferdewagen umgeladen und geschmückt. Bild: Sammlung Karl Wahl)

 

 

 

kw_christuskirche_10(Die erste der neuen Glocken für die Christuskirche wird soeben hochgezogen. Bild: Sammlung Karl Wahl)

 

 

Von dort wurden sie in einem feierlichen Umzug zur Kirche gebracht. Die größte wiegt 22 Zentner und zusammen wiegen sie rund 53 Zentner. Der ehemalige Pfarrer von evangelisch St. Ulrich in Augsburg. Kirchenrat Schmid, verfaßte die Glockensprüche, die von der Jugend vorgetragen wurden.

 

 

kw_christuskirche_12(Bürgermeister Xaver Widmeier bei der Ansprache. Daneben Pfarrer Eduard Gußmann. Bild: Sammlung Karl Wahl)

 

 

 

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(Erinnerungsblatt von der Glockenweihe am 22. Mai 1955. Bild: Sammlung Karl Wahl)

 

 

Inschrift der größten Glocke, der Herrgottsglocke: „Ein’ feste Burg ist unser Gott“. 2. Glocke, Heilandsglocke: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt.“ 3. Glocke, Betglocke: „O heil’ger Geist, kehr bei uns ein,“ 4. Glocke, Taufglocke: “Lasset die Kindlein zu mir kommen.“ Sie klingen in dis, fis, gis und h. Sie stehen im Klang wie im Nachklang reinen Bronzeglocken nicht nach. Eine Woche später wurden sie durch Dekan Dr. Lindenmeyer geweiht.

 

kw_christuskirche_11(Die Zuschauer und Gäste beim Hochziehen der Glocken. Vorn ganz rechts der spätere Bürgermeister Karl Rieger und daneben der amtierende Bürgermeister Xaver Widmeier. Bild: Sammlung Karl Wahl)

 

1959 wurde ein elektrisches Läutewerk und eine elektrische Uhr eingebaut. Seit 2002 sind Sabine und Dirk Dempewolf zu je einer halben Stelle Pfarrerin und Pfarrer der Christuskirche. 2006 wurde die Kirche innen gründlich renoviert und im Oktober 2006 offiziell wieder eingeweiht. Dekanin Susanne Kasch zelebrierte den Festgottesdienst mit heiligem Abendmahl.

kw_christuskirche_3(Eine (leider nicht scharfe) Aufnahme von Westen. Im Mittelpunkt die Kirche und das Pfarrhaus. Das Bild ist wahrscheinlich von der Schafweidstraße aus, etwa bei der heutigen Olympiaystraße aufgenommen. Die Carl-Hüber- und die Sudetenstraße bestehen noch nicht. Bild: Archiv Sammlung Karl Wahl)

 

kw_christuskirche_5(Zur Einnerung ein Bild von Süden her. Aufgenommen vor dem 2. Weltkrieg. In der Mitte die Protestantische Kirche, rechts die ehemalige Turnhalle des TSV mit dem Wirtschaftsgebäude und daneben Häuser an der Jahnstraße. Am rechten Bildrand verläuft die Landsberger Straße. Aufnahme vermutlich von der Hofackerstraße aus. Bild: Sammlung Karl Wahl)

 

kw_christuskirche_6(Zur Einnerung ein Bild von Westen, wahrscheinlich aufgenommen von der heutigen Olympiastraße aus. Dazwischen ist noch nichts verbaut. Im Hintergrund rechts ist der Schlot der ehemaligen Spinnerei und Weberei Haunstetten zu erkennen. Bild: Sammlung Karl Wahl)

 

kw_christuskirche_7(Zur Einnerung ein Bild von Südwesten. Rechts unten die heutige Kopernikusstraße. Der helle Strich in Bildmitte von links nach rechts die heutige Olympiastraße. Im Hintergrund ist rechts der Schlot der ehemaligen Spinnerei und Weberei Haunstetten zu erkennen. Bild: Sammlung Karl Wahl)

 

kw_christuskirche_13(Pfarrer Eduard Gußmann tritt im September 1963 nach 42jäh-riger seelsorgerischer Tä­tigkeit in den Ruhestand. Er war davon 29 Jahre in Haunstetten. Der Haunstetter Stadtrat verleiht ihm die Bürgermedaille in Silber. Bild: Sammlung Karl Wahl)

 

 

kw_christuskirche_14(Pfarrer Eduard Gußmann. Bild: Sammlung Karl Wahl)
(Text & Bilder: Karl Wahl)