Milchverwertung in Haunstetten

Geschichte der Milchverwertung in Haunstetten

(Karl Wahl, April 2010) Ehedem gab es in Haunstetten noch keine Milchgenossenschaft mit einer Milchsammelstelle, sondern eine private Käserei. Zum ersten Mal wurde sie öffentlich genannt, indem Käser Sylvester Haggenmüller, heutige Angerstraße, im Juli 1900 „Backsteinkäs,“ 1½ bis 2-Pfundstücke, zum Preis von 35 Pfennigen anbot. Die Käserei stand an der Nord-West-Ecke der heutigen Kreuzung Thomastraße – Angerstraße, etwa dort, wo das Haus Angerstraße 7 steht.

Im August 1906 wurde das Anwesen des Käsereibesitzers um 22.000 Mark verkauft oder versteigert an Joseph Anton Zanetti, Käsereibesitzer aus Biberach. Zanetti gab im September 1906 bekannt, daß er das Milchgeschäft, die Käserei und die Lohnkutscherei unverändert fortführen werde. Er bot u.a. an „durchreifer Backsteinkäs‘, Schweizerkäs‘ und frische Butter„.

Anscheinend hatte Zanetti die Käserei bald darauf geschlossen. Ein Grund mit dafür könnte gewesen sein, dass der Konsumverein Haunstetten im November 1906 täglich 400 bis 500 Liter Milch aufkaufen wollte und wahrscheinlich auch viel geliefert bekam, sodaß die Käserei schlecht ging.

Am 27. Oktober 1909 gibt Zanetti folgendes bekannt:

„An die Herren Oekonomen hier! Auf Verlangen mehrerer hiesiger Oekonomen wäre ich willens, nächsten Monat meine Käserei wieder zu eröffnen und bitte daher sämtliche Oekonomen, die geneigt sind, ihre Milch mir in das Haus zu bringen, sich sofort bei mir zu melden. Sie dürfen dann Ihre Milch Sommer wie Winter abends und morgens etwa von 6 – 7 Uhr bringen. In die Stadt fahre ich aber mit Milch wie vorher.
J. A. Zanetti.“

Auch gab es Fälle der Vermehrung von Milch mit Wasser. So war im November 1910 in der Haunstetter Zeitung zu lesen:

Die am 31. August d. Js. wegen Milchfälschung zu sechs Tagen Gefängnis verurteilte ….-ehefrau N.N. von Haunstetten hatte am 23. August, also 7 Tage vor der Verhandlung, der zum Verkaufe bestimmten Milch neuerdings ca. 13 Prozent Wasser zugesetzt und wurde unter Einrechnung obiger Strafe insgesamt zu 14 Tagen Gefängnis verurteilt.“ (Der Name wurde vom Autor unleserlich gemacht.)

Und im Dezember 1910:

Obwohl die Milchkontrolle seitens der hiesigen Gemeindebehörde sehr umsichtig geführt wird, können es manchen Oekonomensfrauen immer noch nicht unterlassen, ihre Einnahmen aus dem Milchverkauf durch Zusatz von Wasser zu erhöhen. So wurde kürzlich die Oekonomensfrau N.N. von hier zu 100 Mark Geldstrafe, event. 10 Tagen Gefängnis verurteilt, weil sie der zum Verkaufe bestimmten Milch 10 – 18 Prozent Wasser beifügte.“ (Der Name wurde vom Autor unleserlich gemacht.)

In der Haunstetter Zeitung wurde 1912 folgendes veröffentlicht:

„An unsere Milchlieferanten
Es diene zur Kenntnis, dass wir vom 1. März bis 1. April unseren Milchvertrag gekündigt haben, weil wir nicht in der Lage sind, die Milch um einen Pfennig pro Liter weiter in die Stadt zu führen. Darum werden wir vom 1. April ab nur wieder 15 Pfennig pro Liter bezahlen. Diejenigen aber, die uns die Milch um diesen Preis nicht mehr liefern wollen, werden ersucht, sich mindestens bis 15. d. M. bei den Unterzeichneten zu melden,damit wir uns eventuell für unsere Stadtkundschaften anderweitig Milch verschaffen können. Sollte der Milchpreis in der Stadt erhöht werden, so sind auch wir jederzeit bereit, dementsprechend hier den Preis zu erhöhen. J.A. Zanetti Joseph Wiedemann“

In den ersten Weltkrieg wurden auch viele Haunstetter Landwirte und Söhne von Landwirten eingezogen, worauf wahrscheinlich weniger Kühe gehalten werden konnten und die Milchmenge zurückging. Anfang November 1920 wurde veröffentlicht:

„Der fortgesetzte Rückgang in der Milchanlieferung an die hiesige Sammelstelle veranlaßt wiederum die Einführung eines milchlosen Tages und zwar für solche Verbraucher, die die Milch direkt beim Kuhhalter beziehen und wird dieser auf Sonntag, den 7. November 1920 festgesetzt.“

Die Hyper-Inflation von 1923 wirkte sich in vielerlei Hinsicht aus. Ein Beispiel: Dem Wirt Johann Wohlgemuth (Gastwirtschaft „Hirsch“ am Georg-Käß-Platz) wurde für das Wiegen auf der Gemeindewaage der jeweilige Preis von einem Liter Milch, abgerundet auf volle 500 Mark, vergütet. Die erste Gemeindewaage war unmittelbar vor dem damaligen Gasthaus Hirsch ebenerdig in die Straße eingelassen und die Ablesevorrichtung war in der Gaststube an der Außenwand zum Georg-Käß-Platz hin angebracht. Als die Straßenbahn 1927 nach Haunstetten gebaut wurde mit der Endstation vor dem „Hirsch,“ mußte die Waage ausgebaut werden. Daraufhin wurde das „Waaghäusle“ bei der Muttergotteskapelle errichtet.

1924 verstarb der „Molkereibesitzer“ Jos. Anton Zanetti. Seine Witwe konnte wahrscheinlich die Molkerei und Käserei alleine nicht betreiben. Deshalb wurde wohl 1925 die „Milchverwertungsgenossenschaft Haunstetten e.G.m.b.H.“ gegründet und je eine Milchsammelstelle bei Frau Zanetti und bei Herrn Böhnlein in der Herbststraße eingerichtet. Böhnlein betrieb dort ursprünglich eine Weinstube. Vermutlich wegen der Inflation lief das Geschäft nicht mehr, weshalb später die Witwe Böhnlein dort ein „Gemischtwarengeschäft und Weinhandlung“ betrieb.

Am 27. November 1926 wurde bekanntgegeben:

„. . . Ferner geben wir den Milchlieferanten der Sammelstelle Zanetti bekannt, dass die Morgenmilch bis 6¼ Uhr angeliefert sein muß, weil die nach Augsburg bestimmte Milch mit dem Frühzug verladen werden muß.
Milchverwertungs-Genossenschaft Haunstetten.
Der Vorstand. Fiehl.“

1929 existierten in Haunstetten 29 Milchlieferanten, also Milchbauern.

Aus der Haunstetter Zeitung vom 24. Januar 1930:

„Die seit vergangenem Montag in der Schule eingeführte Milchabgabe klappt tadellos. Es ist dies nur dadurch möglich, daß sich die Lehrerschaft in anerkennenswerter Weise tatkräftig um die Sache annimt, wofür ihr auch an dieser Stelle gedankt sei. Wir möchten die Eltern darauf aufmerksam machen, daß die Schulkinder der 5. bis 8. Klasse ebenfalls jederzeit Milch bekommen können. Gegen Bezahlung von 50 Pfg. erhalten sie 6 Milchmarken (für 6 Fläschchen). Anträge auf Abgabe von Milch zu verbilligten oder kostenlos werden bei Bedürftigkeit auch für diese Klassen weitgehendst berücksichtigt. Dieselben wären schriftlich oder mündlich bei der betreffenden Lehrperson oder beim Bürgermeister anzubringen.“

Nach der Inflation kam die „schlechte Zeit“. In der Haunstetter Zeitung wurde am 7. April 1933 veröffentlicht:

„Winterhilfe 1932/33, hier Lieferung von Käse. Der Gemeinde Haunstetten wurde für das Winterhilfswerk 1932/33 mit einer Spende des Reiches Weichkäse aus dem Allgäuer Käseerzeugungsgebiet zugeteilt. Berücksichtigt werden alle Personen, die zur Fleischverbilligung zugelassen, also im Besitze der rosafarbigen Bezugsscheine sind. Diese können sofort in der Milchsammelstelle Zanetti 1 Pfund Weichkäse kostenlos in Empfang nehmen. Haunstetten, den 28. März 1933.“

Die Witwe Zanetti verkaufte das Anwesen 1935 an der Angerstraße um 12.000 Mark an Fräulein M. Seethaler. „Dieser wird auch der Betrieb der Milchverwertungsstelle der Milchverwertungsgenossenschaft Haunstetten übertragen.

Im Juni 1936 war zu lesen:

Das Anwesen des Webmeisters Herrn Josef Wanner an der Mühlstraße wurde zum Zwecke der Errichtung einer Milchsammelstelle von der Milchverwertungsgenossenschaft Haunstetten [e.G.m.u.H.] käuflich erworben. Als Kaufpreis werden 8800 RM genannt. Herr Wanner wird sich an der Rennwiese ein neues Wohnhaus erbauen.“ (Die ehemalige Rennwiesenstraße ist die heutige Dr.-Troeltsch-Straße).

Am 1. Dezember 1936 wurde die neu errichtete Milchsammelstelle an der Nord-West-Ecke Mühl- / Thomastraße eröffnet (heute Martini- / Thomatraße). „Neben dem Anlieferungsraum liegt der Verkaufsladen, hoch, geräumig, hell, die Wände ringsum mit weißen Fliesen belegt. In diesem Laden steht auch ein sauberer Kühlschrank, so daß jedem Verderb der Waren vorgebeugt ist. […] Die Wohnung befindet sich im nebenanliegenden Gebäude, welches von der Milchverwertungsgenossenschaft ebenfalls erworben wurde. […] Die Führung der Milchsammelstelle wurde dem bisher in Siebenbrunn tätigen Herrn Karl Maier übertragen.“ Maier war Knecht auf dem Gut Rau an der Siebenbrunner Straße.

Kurz nach der Eröffnung der neuen Sammelstelle verließ die Witwe Zanetti Haunstetten. Sie gab bekannt:

„Bei meinem Weggang von hier möchte ich nicht unterlassen, dem geehrten Herrn Vorstande […] der Milchverwertungsgenossenschaft Haunstetten für das mir seit 7 Jahren entgegengebrachte Vertrauen sowie für die Ehrung und das schöne Geschenk zum Abschied meinen tiefgefühlten Dank auszusprechen. […] herzliches Lebewohl. Haunstetten, den 8. Dezember 1936. Maria Zanetti.“

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Bild: Archiv Karl Wahl. Die Milchsammelstelle mit „Lädele“ der
Milchverwertungs- genossenschaft an der Martinistraße

Bis 1938 dürfte der „Verkaufsladen,“ das „Lädele“ der Milchgenossenschaft das einzige Geschäft gewesen sein, das offziell Milch verkaufte. Am 1. Mai 1938 eröffnete Anton Spreitler in der damaligen Ritter-von-Epp-Straße, danach Gögginger Straße, jetzt Kopernikusstraße eine „Milchverkaufsstelle“. Das Lädele führte Butter, Käse, offene Milch, auch in Flaschen wurde Milch eingefüllt, mit ausgestanzten Pappdeckelchen verschlossen, falls solche nicht vorhanden, dann wurden oft auch selbst ausgeschnittene Pappdeckelchen verwendet. Die Geschäftszeiten waren wie bei jedem anderen Lebensmittelladen.

 

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Die Haunstetter Milchbauern vor der Milchsammelstelle, vor der Schließung der Sammelstelle ab 1. Mai 1979. Bild: Archiv Karl Wahl

Vorn v.l.n.r.:
Josef Miller (Tegernseestraße, „Brunnenbachhof“), Leiter der Milchgenossenschaft, Andreas Uhl (Poststraße),
Josef Wiedemann (zwischen Bäckerei Rager und ehemaligem Zerlehof, „Schoima,“ jetzt Pfarrzentrum St. Georg), Anton Settele (Martinistraße, südlich der Gaststätte „Ritter St. Georg“, „Settele Bauer“),
Martin Stoß (Georg-Käß-Platz).Hinten v.l.n.r.:
Wilhelm Roser (Roggenstraße), Johannes, (Hans) Jaufmann (Schopenhauerstraße),
Georg Kocher (Bürgermeister-Widmeier-Straße, neben dem ehemaligen Kino Atrium),
Anton Rittling (Michannahme, er war Knecht im Gut Rau an der Siebenbrunner Straße),
Andreas Brem (Krankenhausstraße, „Bremhof“), Walter Miller (Tegernseestraße, „Brunnenbachhof“),
Marie-Luise Rehle (Tattenbachstraße, ehedem auch Bäckerei, führte einmal monatlich die Milchkontrollen durch, und zwar die Prüfung auf Fettgehalt und Menge), Martin Gschoßmann (Poststraße), Otto Scheib (Herget, Innninger Straße, am „Inninger Berg“). Die abgebildeten Milchkannen waren Eigentum des Hofs „Brunnenbachbauer.“)

Im Mai 1938 wurden die Haunstetter Milchviehhalter bekanntgegeben. Die namentliche Reihenfolge gab den Milchdurchschnitt von 1937 an.

Zur Orientierung sind vom Autor die heutigen Straßennamen begefügt. Die damaligen Namen wären für viele jüngere und zugezogene Haunstetter verwirrend. Es waren Straßen bis Ende des II. Weltkriegs nach Personen und Schlachten des I. Weltkriegs sowie nach NAZI-Größen benannt. Diese wurden gleich nach Kriegsende umbenannt. Die meisten Umbenennungen erfolgten jedoch mit der Eingemeindung von Haunstetten 1972 nach Augsburg.

Schöll­horn Josef, 5 Kühe, (Schopenhauerstraße),
Zerrle Anton, 7 Kühe, (Poststraße),
Fiehl Martin, 9 Kühe, (Schopenhauerstraße),
Seethaler Karl, 2 Kühe, (Tattenbach­straße) ,
Zerrle Franz, 4 Kühe, (Bürgermeister-Widmeier-Straße, „Alte Schmiede“)
Miller Josef, 8 Kühe, (Tegernseestraße, „Brunnenbachbauer“),
Brem Mina, 16 Kühe, (Bremhof, Krankenhausstraße),
Miller Hubert, 6 Kühe, (Bürgermeister-Widmeier-Straße),
Federle Ulrich, 8 Kühe, (Schopenhauerstraße),
Kühn Johann, 7 Kühe. (Haunstetter Straße neben der Baugenossenschaft).
Wiedemann Alois, 4 Kühe, (Bürgermeister-Widmeier-Straße),
Weißhaupt Franz [Sales], 8 Kühe, (Martinistraße),
Gregor Josef, 10 Kühe, (Tattenbachstraße),
Eberle Martin, 9 Kühe, (Martinistraße)
Wagner Urban, 3 Kühe, (Martinistraße),
Schöllhorn, Geschwister, 4 Kühe (Schopenhauerstraße)
Gleich Peter, 9 Kühe, (Schopenhauerstraße),
Girstenbrei Lorenz, 4 Kühe, (Martinistraße),
Mayer Fritz, 2 Kühe, (Bürgermeister-Widmeier-Straße),
Wiedemann Afra, 7 Kühe, (Bürgermeister-Widmeier-Straße)
Wolf Anton, 4 Kühe, (Poststraße),
Mießl Maria, 4 Kühe, (Martinistraße)
Stoß Lorenz, 5 Kühe, (Georg Käß-Platz)
Stegmaier Lorenz, 3 Kühe, (Südwest-Ecke Inninger-/Landsberger Straße),
Spengler Johann, 6 Kühe, (Poststraße),
Bergmüller Ignaz, 4 Kühe, (Schloßanger),
Kurfer Josef, 4 Kühe, (Bürgermeister-Widmeier-Straße),
Mayer Friedrich, 4 Kühe, (Bürgermeister-Widmeier-Straße),
Zerrle Sebastian, 4 Kühe, (Der Hof wurde um 1990 abgebrochen und auf dem Grundstück das Pfarrzentrum St. Georg erbaut),
Miller Sebastian, 4 Kühe, (Bürgermeister-Widmeier-Straße, „Oberer Klett“),),
Rucker Josef, 3 Kühe, (Inninger Straße),
Schmid Alois, 7 Kühe, (Bürgermeister-Widmeier-Straße, Getränke-Stadel),
Rehle Karl, 6 Kühe, Tattenbachstraße),
Settele Karl, 4 Kühe, (Martinistraße),
Gregor Johann, 4 Kühe, (Schopenhauerstraße),
Settele Karl, 5 Kühe, (Martinistraße),
Jaufmann Felix, 7 Kühe, (Schopenhauerstraße),
Haggenmüller Karl, 4 Kühe, (Thoma­straße)
Armbruster Josefa, 8 Kühe, (Poststraße),
Aßfalg Alois, 7 Kühe, (Bürgermeister-Widmeier-Straße, Gastwirtschaft „Grüner Baum“),
Wiedemann Margareta, 5 Kühe, (Quer­gäßchen),
Schlittenlechner Michael, 3 Kühe, (Martinistraße),
Kocher Georg, 6 Kühe, (Bürgermeister-Widmeier-Straße),
Miller [Müller] Otto, 4 Kühe, (Bürgermeister-Widmeier-Straße),
Würz Leonhard, 4 Kühe, (Thomastraße),
Grob Jakob, 7 Kühe, (Poststraße),
Anzenhofer Michael, 4 Kühe, (Bürgermeister-Widmeier-Straße),
Besl Karl, 3 Kühe, (Angerstraße),
Herget Jakob, 7 Kühe, (Inninger Straße).

Das waren 49 Landwirte mit Milchvieh und mit zusammen 272 Milchkühen.

Nicht aufgeführte Landwirte:

Klepper Ludwig, (Mittlerer Lechfeldweg)
Gais Johann, (Krankenhausstraße)
Rottmair Josef, (Mittlerer Lechfeldweg)
Sellmair Josef, (Schloßanger)
Kurfer Ludwig, (Thomastraße)

Im März 1939 wurden für April die geltenden Verkaufszeiten für Lebensmittel bekanntgegeben:

Sonntag, 2. April:
U.a. Frische Milch von 6 bis 9 Uhr und von 18:30 bis 19:30 Uhr.
Karfreitag, 7. April:
U.a. Frische Milch von 6 bis 9 Uhr und von 18:30 bis 19:30 Uhr.
Ostersonntag, 9. April:
Frische Milch nicht aufgeführt.
Ostermontag, 10. April:
Nur frische Milch von 6 bis 9 Uhr und von 18:30 bis 19:30 Uhr.

Jeder weitere Verkauf von Lebensmitteln war verboten. An den weiteren Aprilsonntagen war Milchverkauf wie vor Sonntag, 2. April.

Ab 1. September 1939 wurde eine Bezugsscheinpflicht für Konsumgüter eingeführt (Lebensmittelmarken). Darunter fielen zunächst Fleisch, Fette, Käse, Vollmilch, Zucker, Marmelade. Pro Kopf standen dann an Milcherzeugnissen, Oel oder Fett 60 Gramm am Tag zu, für Schwerarbeiter täglich 50 Gramm mehr.

Ende September 1939:

„Zum Bezuge von Lebensmitteln sind Reichsbrotkarten, Reichsfettkarten, Reichsfleischkarten, Reichsmilchkarten, Reichskarten für Marmelade und Zucker sowie Lebensmittelkarten eingeführt worden.“

Haunstetter Zeitung vom 9. August 1940:

„Auf Anordnung des Landesernährungsamtes Bayern ist durch das Leistungsamt Günzburg der Gemeinde [Haunstetten] und dem Ortsbauernführer eine Uebersichtsliste der Gemeinden des Landkreises Augsburg zugesandt worden. In derselben ist die prozentuale Höchstablieferung der erzeugten Milchmenge des Jahres 1939 eingetragen. Mit Befriedigung können wir daraus ersehen, daß Haunstetten mit 85,9 % an 1. Stelle steht.“

Nach der Währungsreform im Juni 1948 kostete ein Liter Milch 33 Pfennige.

Eine Viehzählung ergab im Dezember 1963: Haunstetten hat 255 Milchkühe,16 Bullen und Ochsen, in 35 Betrieben 455 Stück Rindvieh. Außerdem gibt es in Haunstetten 395 Schweine. 3 Halter haben zusammen drei Ponys und 2 Pferde.

Der letzte Wechsel im Betrieb der Milchsammelstelle war am 1. Oktober 1970, als Gisela und Manfred Fischer das Milchgeschäft von Frau Wagner übernahmen.

Zuletzt war dort Milch-Anlieferung früh bis 7 Uhr, abends bis 19 Uhr. Die Milch wurde nicht gemessen, sondern gewogen und dann in einem Kühlschrank heruntergekühlt.

Am 1. Mai 1979 wurde die Milchsammelstelle Haunstetten geschlossen.

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In Haunstetten kaum mehr zu finden: Plaketten über den Viehbestand und über die Milchleistung der Kühe, hier beim ehemaligen Bauern Büchler in der Martinistraße. Bild: Karl Wahl.  In Haunstetten kaum mehr zu finden:
Eine Tafel, zu welchem Zuchverband der Landwirt gehörte.
Hier beim ehemaligen Bauern Büchler in der Martinistraße. Bild: Karl Wahl.
So oder so ähnlich haben wohl auch die Stalltüren
ehemals bei großen Bauern in Haunstetten ausgesehen (aufgenommen in Klimmach).
Das vierte ovale Schild links und von oben zeigt, dass der jährliche
Milchdurchschnitt je Kuh bei über 9.500 kg Milch lag. Bei einem durchschnittlichen spezifischen
Gewicht derMilch von 1,030 kg/Ltr. sind das 922 Liter pro Jahr und 25,25 Liter am Tag! Bild: Karl Wahl.
So oder so ähnlich haben wohl auch die Stalltüren
ehemals bei großen Bauern in Haunstetten ausgesehen (aufgenommen in Klimmach). Bild: Karl Wahl

 

Danach holte die Centralmolkerei Augsburg (CEMA) die Milch direkt vom Hof ab.
Die CEMA wurde 2003 von der „Allgäuer Käserei GmbH“ in Wangen übernommen.

Bis April 2010 war beim letzten Milchviehhalter in Haunstetten („Brunnenbachbauer“) täglich um 7 Uhr Abholung vom Hof mit einem Milchtankwagen. Seit Anfang April 2010 sind die Abholzeiten geändert, weil der ehemalige CEMA-Betrieb in Augsburg-Oberhausen völlig geschlossen wurde. Die Abholung ist nun zwischen 8:30 und 9:00 Uhr. Zuvor muß die Milch in „Hofkühlung“ auf 4 Grad Celsius heruntergekühlt werden.

Der „Brunnenbachbauer“ Walter Miller ist der letzte Milchviehhalter in Haunstetten. Es kann vermutet werden, dass es in ein paar Jahren in Haunstetten überhaupt keinen Milchbauern mehr gibt.

Update Februar 2011 (d. Red.)

Walter Miller kam am 12.01.2011 bei einem Arbeitsunfall auf seinem Hof ums Leben. Die Milchwirtschaft endete damit auf tragische Weise in Haunstetten. Anfang Februar 2011 befand sich bereits kein Milchvieh mehr auf dem Hof. Walter Miller wurde am Freitag, den 14. Januar 2011 auf dem Alten Friedhof beerdigt.

Weiteres zur Milchverwertungsgenossenschaft Haunstetten.

Die Genossenschaft war auch Eigentümer verschiedener landwirtschaftlicher Geräte und Maschinen.

Es waren vorhanden:

  • Eine große Dreschmaschine. Die Dreschmaschine wurde über eine Riemenscheibe und einen Flachriemen mit dem vorhandenen Schlepper angetrieben.
  • Eine Strohpresse, womit das ausgedroschene Getreidestroh zu Ballen gepreßt
    wurde.
  • Später beschaffte die Genossenschaft einen Bindemäher, womit das reife Getreide gemäht, zusammengerafft und zu Garben gebunden wurde.

Zur Bodenbearbeitung hatte die Genossenschaft

  • Einen 2-Scharpflug und
  • einen Kultivator (eine Art von in die Tiefe wirkende Egge).
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Der Hanomag-Schlepper der Milchverwertungsgenossenschaft im Zustand, als er von einem Liebhaber gekauft wurde. Bild: Archiv Karl Wahl. Der Oldtimer-Hanomag-Schlepper der Milchverwertungsgenossenschaft im Zustand, wie er vom jetzigen Eigentümer aufgeareitet wurde. Bild: Archiv Karl Wahl.

Bewegt wurden die Geräte mit dem Traktor = Schlepper. Die Milchverwertungsgenossenschaft kam nach dem zweiten Weltkrieg zu einem großen, fabrikneuen Schlepper: Ein „Hanomag R 40“ (= Radschlepper, 40 PS). Er stand bei Kriegsende in einem Wehrmachtsdepot in Augsburg. Der Schlepper war sehr wahrscheinlich aufgrund des Nichtangriffspaktes mit Rußland zur Lieferung nach Rußland vorgesehen, denn alle Beschriftungen sind in kyryllischer Schrift ausgeführt. Er hat vier Zylinder mit zusammen 5,2 Liter Hubraum, hatte ursprünglich eiserne Räder und war in Wehrmachtsgrau „feldgrau“ lackiert. Nach der Auflösung der Milchverwertungsgenossenschaft wurde er an einen privaten Liebhaber verkauft, der ihn vorzüglich aufarbeitete und tauglich für den neuzeitlichen Straßenverkehr herrichtete.

Die Milchverwertungsgenossenschaft bildete Gespanne aus dem Schlepper mit einer Dreschmaschine oder einem Kultivator oder einem großen Pflug. Gefahren wurde das Gespann von einem Schlepperfahrer und zugleich Maschinisten. Damit erledigte die Genossenschaft anstehende Feldarbeiten sowie das Dreschen für ihre Mitglieder.

Gedroschen wurde beim jeweiligen Landwirt in dessen Stadel. Von der Genossenschaft waren dabei grundsätzlich der Vorstand sowie der Schlepperfahrer und Maschinist. Alles andere notwenige Personal mußte der Landwirt stellen.

Damals hatten nur zwei Landwirte in Haunstetten einen so schweren Schlepper, weshalb die Genossenschaft mit ihrem für die Mitglieder arbeitete. Schwere Schlepper hatten die große Landwirtschaft der Kunstmühle Eduard Kühn und der Landwirt Georg Kühn. Die Kunstmühle stand östlich der Martinistraße zwischen der „Lochbachstraße“ und dem „Oberer Krautgartenweg“. Der Bauernhof Kühn steht heute noch (ist aber still gelegt) südlich neben der „Baugenossenschaft“ im Norden von Haunstetten.

Die Dreschmaschine war beim Landwirt Alois Schmid in der Bürgermeister-Widmeier-Straße eingestellt. Der Bodenbearbeitungsgeräte und der Traktor waren in einem angemieteten hölzernen Stadel an der Süd-West-Ecke Inninger- und Landsberger Straße eingelagert.

Der Schlepper wurde auch ein paar Jahre benutzt zum Antrieb einer Brennholzsäge.
Der Antrieb einer Säge mit dem Schlepper war aufwendig und umständlich, weshalb bald wieder Ernst Korhammer aus Siebenbrunn mit seiner selbstfahrenden „Motor-Säg‘- u. Spaltmaschine“ zum Sägen und Zerkleinern von Brennholz bestellt wurde. Ernst Korhammer war Kriegbeschädigter aus dem I. Weltkrieg. Er sägte und spaltete Brennholz seit mindesten Frühjahr 1934 in Haunstetten.